14. Juni (Fortsetzung)

Als ich die Haustür öffnete, stieg mir der Duft von Oregano, Basilikum, warmem Käse, in viel Olivenöl gebackenem Schinken und Hefe in die Nase. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Hoffentlich hatten sie mir etwas übrig gelassen. Nach so einem Tag brauchte ich wirklich etwas Anständiges zu essen.
Es war absolut still im Haus. Aus dem Küchenbereich der offenen Wohnküche drang schummriges Licht. Ich stellte meine Tasche ab, hängte den Schlüsselbund ans Schlüsselbrett und zog meine Schuhe aus.
Dann schlich ich leise in die Wohnküche, um niemanden zu wecken, und entdeckte den schwachen Lichtschein von Emmas Laptop. Sie saß wie beinahe jeden Abend am Esstisch und arbeitete noch. Emma: Journalistin, meine wichtigste Vertraute und vor drei Jahren meine Lebensretterin. Sie hatte mich in ihrem Haus aufgenommen, als das Chaos in meinem Leben am größten war.
Um sie nicht zu stören, begrüßte ich sie wortlos, indem ich über ihre Schulter strich. Doch sie hob den Kopf. „Guten Abend. Im Ofen ist noch ein Stück Pizza für dich.“
Lecker. Der Speichel in meinem Mund vermehrte sich wieder schlagartig und mein Magen meldete sich. „Vielen Dank. Wie lief’s hier?“ Ich ging zum Backofen hinüber und erspähte mein Abendbrot. Dann stellte ich den Ofen so ein, dass er es mir aufwärmte.
„Alles bestens. Sogar Rose ist schnell eingeschlafen, obwohl sie wegen morgen furchtbar aufgeregt ist.“
„Zum Glück. Es tut mir leid, dass ich nicht da war.“
Emma lächelte mich aus ihren himmelblauen Augen an, die im Schummerlicht wesentlich dunkler wirkten, und winkte ab. „Vielleicht war es besser so. Sie muss sich ausschlafen. Und du bist morgen für sie da.“ Wahrscheinlich hatte sie recht, wie so oft. Was sollte ich bloß ohne Emma machen? Sie war die Ruhe selbst und fand auch in schwierigen, zwischenmenschlichen Situationen stets eine vernünftige Lösung, obwohl sie selbst einige Schicksalsschläge hinter sich hatte. Vernunft in Sachen Zwischenmenschlichkeit war nicht gerade meine Stärke. Ich hielt es da lieber wie in Phase vier.
„Wie lief es denn mit Frau B.W.?“ Sie legte den Kopf schief und verzog ihr Gesicht. Ein Blick, den ich inzwischen ebenso gut kannte wie die entsetzten Blicke meiner Klientinnen. Und ich würde gewiss nicht drum herumkommen, ihr alles zu erzählen. Sie war von Anfang an Charlotte Freys psychologische Stütze und ich wusste, dass sie trotz ihres Berufs nichts von dem, was in unserer Küche gesagt wurde, veröffentlichen würde. Meine Pflicht zur Verschwiegenheit war auch der Grund, weshalb wir stets nur die Initialen meiner Klientinnen verwendeten. Ein zuweilen sehr vergnügliches Spiel.
Der Ofen piepte. Ich seufzte und, während ich mir mein Essen auf einen Teller schaufelte, begann ich, ihr das Gespräch mit Frau B.W. in allen Einzelheiten zu schildern.
„Mama.“ Eine verschlafene Fünfjährige kam die Treppe herunter getapst und rieb sich ein Auge. „Rosie hat mich geweckt.“
Ich sprang sofort auf. „Ich kümmere darum.“ Und ohne Emmas Reaktion abzuwarten, nahm ich die Kleine auf den Arm. „Guten Abend, Laura.“ Sie murmelte etwas, das wie Hallo Charlie klang. „Schnarcht Rosie wieder?“ Laura brachte ein müdes Hmm heraus und ich drehte mich zu Emma um.
„Bald ist es vorbei, Charlie.“ Ihr Nicken versprach mehr Optimismus, als ich hatte.
„Komm, ich bring’ dich wieder ins Bett und schau mal nach Rosie, in Ordnung?“ Laura nickte kaum merklich und legte ihren Kopf auf meine Schulter. Wir stapften die Treppe hinauf zum Zimmer der Mädchen. Laura hatte Rose von Anfang an als kleine Schwester angenommen und sich mit ihr ein Zimmer geteilt. Doch die letzten neun Monate waren eine echte Herausforderung für sie gewesen.
Schon am oberen Treppenende konnte ich hören, wie meine kleine Tochter einen ganzen Wald fällte. Es tat weh, sie so leiden zu sehen. Sie schlief schlecht, hatte oft Angst einzuschlafen, brachte nicht viel Essen herunter und hörte zudem auch noch schwer, was für die Sprachentwicklung einer Zweijährigen katastrophal war. Außerdem waren wir alle, Emma, Laura, ich und der dreijährige Phil, Emmas Sohn, froh, wenn Rose einmal mehr als zwei Tage ohne einen Infekt überstand. Und wir alle würden gern endlich wieder richtig durchschlafen.
Ich brachte Laura in ihr Bett, tröstete sie nochmal und nahm statt ihrer die mit weit offenem Mund und überstrecktem Kopf schlafende Rose in meine Arme. Die murmelte etwas Unverständliches und kuschelte sich an mich. Dann brachte ich sie hinüber in mein Schlafzimmer und bettete sie neben mir so, dass es ihr zumindest für eine halbe Stunde helfen würde, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Mir kamen die Tränen und doch musste ich stark für sie sein. In dieser Nacht würde ich vermutlich nicht viel Schlaf abbekommen.
Doch, wenn Emma Recht behielt, würden wir alle in ein paar Tagen aufatmen können. Das Schnarchen und die ewigen Infekte, so hatte es uns der HNO-Arzt erklärt, hatten ihre Ursache in zu großen Rachen- und Gaumenmandeln. Für morgen war die OP angesetzt und dann, so zeigte sich nun doch mein Optimismus, würde der Spuk bald ein Ende haben.

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