Wortlos schob ich die Akte mit der Aufschrift Becher-Wüst über den Tisch. Was sollte ich auch dazu sagen? Die Fakten sprachen für sich. „Lassen Sie sich Zeit.“ Meine Klientin nickte stumm, ihre Hände aber zitterten, als sie die Akte öffnete.
Dieser Moment war der schwerste in meinem Job. Jedes einzelne Mal. Ich konnte die Hoffnung in den Augen meiner Klientinnen sehen – und es waren ausschließlich Frauen. Die Hoffnung, dass sich ihre Befürchtungen als falsch herausstellten, dass alles ein Missverständnis gewesen war oder dass ihre Fantasie ihnen nur einen Streich gespielt hatte. Doch dann war es einer dieser Augenblicke, in dem alles auf den Tisch kommt. Die Wahrheit, in ihrer reinsten und bittersten Form.
Ich stand auf, ging zum Fenster und öffnete es einen Spaltbreit. Das tat ich immer, denn ich wollte meiner Klientin nicht dabei zusehen, wie ihr wunderbar geschminktes und wie im Falle von Frau Becher-Wüst perfekt gebotoxtes Gesicht allmählich verrutschte. Das Ergebnis in ein paar Minuten würde schon verheerend genug sein.
Der Ausblick aus dem Fenster hinüber auf die Frauenkirche brachte mich wieder einmal zum Seufzen. Vor vier Monaten hatte ich die zwei Räume hier angemietet. Mein eigenes Büro. Sündhaft teuer, aber dieser Blick entschädigte für alles. Unten auf dem Neumarkt saß gerade ein Pianist auf einem Podest an seinem Flügel und spielte Nothing Else Matters. Wie passend für das, was Frau Becher-Wüst gerade über ihren Ehemann erfuhr.
Ein Schluchzen drang vom Tisch herüber. Natürlich. Beinahe automatisch griff ich nach dem Taschentuchspender auf dem Sideboard neben mir. Nachhaltig zertifiziertes Bambusholz. Ein Geschenk meiner Mutter zur Büroeröffnung. Den Inhalt hatte ich in der kurzen Zeit bereits ein halbes dutzend Mal nachgefüllt. Mit den billigen Recycling-Taschentüchern aus der Drogerie. Der Verbrauch war einfach zu enorm, um jede Kosten-Nutzen-Rechnung zugunsten von biologisch hergestellten Taschentüchern zu überstehen.
Ich ging zurück zum Tisch und stellte meiner Klientin die Bambusbox vor die Nase. Sie zog ein Tuch heraus und schnäuzte kräftig. Sehr undamenhaft und so gar nicht passend für eine Frau Becher-Wüst. Ein zweites Taschentuch, ein drittes. Sie wischte sich die Tränen weg. Und da war es, das verrutschte Antlitz einer gebrochenen Ehefrau. Diesen Anblick kannte ich mittlerweile sehr gut. In den letzten zwei Jahren hatte ich ihn oft genug gesehen.
„Was hat das zu bedeuten? Was soll ich denn jetzt tun?“ Phase eins: Schock. Sie sah mich an, wie ein kleiner Hund, der sein großes Geschäft an einer Stelle verrichtet hatte, an der ein Hund sein großes Geschäft auf keinen Fall verrichten sollte.
Es war also Zeit für den Satz, der mir mittlerweile ins Blut übergegangen war. „Es bedeutet, dass sich Ihr Ehemann schwerer Straftaten schuldig gemacht hat und dass Sie sich schnellstmöglich einen Anwalt suchen sollten.“
„Aber das kann unmöglich wahr sein.“ Phase zwei: Verleugnung.
Ich setzte mich auf meinen Stuhl am Tisch ihr gegenüber und sah ihr geradewegs in die verheulten Augen. „Es tut mir leid …“ Ich war mir nicht sicher, ob sie mir wirklich leidtat. „Aber es ist wahr. Je eher Sie das akzeptieren, umso besser. Sehen Sie sich die Akte nochmal an. Ihr Ehemann hat sich nicht nur schmuddelige Filmchen angeschaut. Er hat sie produziert.“ Ich beugte mich über den Tisch zu ihr hinüber, blätterte eine Liste mit unzähligen Zahlen auf und tippte mit dem Zeigefinger darauf. „Diese Zahlen belegen es. Ihr Mann hat sein ganzes Vermögen mit diesem Dreck gemacht. Ihr Ehemann, Frau Becher-Wüst, ist der Boss eines riesigen Kinderpornorings. Und …“ Ich lehnte mich wieder zurück und griff in eine Schreibtischschublade. „Ich habe Videos gesehen, auf denen er sich selbst an Kindern vergeht.“ Zum Beweis legte ich einen USB-Stick auf den Tisch.
Sie quiekte und schlug die Hände vor ihr Gesicht. Phase drei: Erkenntnis. Jetzt brauchte ich nur noch geduldig zu warten. „Und nun?“, flüsterte sie nach einer Weile.
„Wie ich bereits sagte, suchen Sie sich einen Anwalt. Einen, der nichts mit Ihrem Mann zu tun hat. Dann packen Sie unauffällig das Nötigste zusammen und steigen in Ihr Auto. Fahren Sie zu einer Bank und heben alles Geld von Ihrem Konto ab. So viel, wie möglich ist. Und danach verschwinden Sie. Sie haben doch jemanden, zu dem Sie können?“ Sie nickte mir mit riesigen, dunklen Augen zu.
„Was werden Sie tun?“ Sie deutete auf die Akte.
Was ich als Nächstes tun würde – tun musste – wusste ich genau und schaute auf den großen Fotokalender, der an der Wand hing und ein Urlaubsmotiv aus dem letzten Sommer zeigte. Mittwoch. „Ich gebe Ihnen Zeit bis Sonntag. Am Montag früh übergebe ich die Unterlagen an meine Kontaktperson beim LKA.“
Frau Becher-Wüst erhob sich wortlos, ging zur Zwischentür und öffnete sie. Dann durchschritt sie den Empfangsraum und griff nach der Klinke der Ausgangstür. Ich folgte ihr und nahm ein kleines Holzbrett mit Anhänger vom Empfangstisch. Während meine Klientin die Klinke langsam herunterdrückte, drehte sie sich noch einmal zu mir um. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Phase vier war mir die liebste: Rache. „Ich danke Ihnen.“
„Das ist mein Job.“ Manchmal liebte ich ihn, aber oft genug hasste ich ihn auch.
„Was meinen Sie? Wäre es klug, auch gleich die Scheidung einzureichen?“
„Sehr klug.“ Ja, ich liebte Phase vier. „Und lassen Sie ihn bluten bis zum letzten Tropfen.“ Frau Becher-Wüst nickte bestimmt, trat durch die Tür und verabschiedete sich knapp. Sie war nur eine von vielen Klientinnen und trotzdem war bei all meinen Fällen kein Mistkerl dabei gewesen, den ich so verabscheute wie ihren Ehemann. Hoffentlich würde sie es überstehen. Ich seufzte vor mich hin, so wie beinahe jedes Mal nach einem abgeschlossenen Fall.
Feierabend. Ich hängte das Holzschild mit der Schnur an den dafür vorgesehenen Haken außen an meine Bürotür. Das Brettchen war so groß wie ein Terminkalender, hatte einen mit Schnitzereien verzierten Rahmen und war mit einer Metallklemme versehen, an der man Zettel befestigen konnte. Sehr nachhaltig. Ein Geschenk von Anton, meinem älteren Bruder, der mit einem Software-Start-up mehr als erfolgreich gewesen war, dann aber erkannte, wie sinnlos sein Leben auf der Überholspur war und wie wenig er von seiner Familie hatte. Er verkaufte seine Firma, ging bei einem Tischler in die Lehre und baute mit dem Erlös aus dem Firmenverkauf ein neues Unternehmen auf, in dem Menschen mit und ohne Behinderung Spielzeug und Designgegenstände aus Holz herstellten. Aus nachhaltigem Holz selbstverständlich, darauf hatte unsere Mutter bestanden. Anton entwarf auch Einzelstücke wie das Türschild, auf dessen eingeklemmten Zettel Geschlossen bis zum 22.06. stand.
Dann blickte ich an der Tür hinauf zu meinem Firmenschild. Detektei Charlotte Frey. Ach, Emma. Du und deine Wortspielchen.
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